Theater Verrat
Wir verraten uns das Theater. Machen Sie mit?
Wenn die Kunst einem nichts verrät, ist das dann Verrat?
Wenn man in die Kunst hineinruft und nichts schallt hinaus, hat sie uns dann verraten? Dass die Kunst unendlich ist wie das Universum, wo kein Kuckuck auf dem Wipfeln ruht und ruft, wie es sich mit der Projektionsweisheit von Kalauern verhält, die es uns erlauben, die Nachbilder des Ausgesprochenen zu betrachten. Ahnungen sind das Echo der Ahnen, die unverständlich bleiben, wie sie etwas meinen, das es so nicht mehr gibt. Das es nicht aufzuwiegen gibt im Präsenz, um zumindest lautlich sinnhaft zu sein und zur Ahnung zurückzuführen. Das Vage führt so einen Dialog mit der Ahnung. Unser Bemessen ist es, das ihn für uns relevant macht. Heiner Müller spricht von Gespenstern, so auch Ruth Klüger, um endlich mal eine Frau mit ins Spiel zu bringen.
Hitchcock missversteht Gespenster als perfekte Suspense, gesuspenst wird in seinen Filmen auf eine Art und Weise, die den Zuschauer am Willen zum Wissen sich ergeilen lässt.
Nun hat einzig die der stille Ruf der Sprache uns hierhin geführt. Wo das ist, können wir nicht sagen, auch nicht rekonstruieren, weil wir schon vor dem Vormarsch (I'r Gard) nicht wussten, wo wir uns befanden. Befinden ist ein schönes Wort, weil wir uns ja oft nach dem Wohlbefinden einer Person erkundigen, so als gäbe es eine Kartographie der Gefühle. Vielleicht verlangt die Anfrage aber auch eine genaue Verortung von Wohlbefinden und Unwohlbefinden im Körper. Mir aber ging es eher darum anzudeuten, dass wir uns hier gerade fragen, wo wir uns wohl befinden. Ist der Körper eine Karte, so wäre das Wo wohl auch ein Wie. Wer gefasst auf so eine Frage antworten kann, der befindet sich wohl wohl, muss sich wohl zumindest so wohl befinden, dass es sich noch gefasst antworten lässt. Wir hingegen sind längst aus der Fassung (Antizipation für später: Frage: fassungslos oder fassungsfrei?), da sich die Rahmenbedingungen aufgelöst haben und nur noch für ein Perfekt gelten werden. Nun sind wir nicht völlig aus der Fassung, aber doch so sehr, dass sich uns die Leere des Kalauers als Befindlichkeitsverfassung stimmig wird. Bei Wohlbefinden ist der Kalauer zumindest halb voll.
Der Rat tritt immer gefasst auf. Wer einen Rat gibt, wer einem Rat gibt, der rät nicht, sondern der weiß, was zu tun ist, ist Berater. Der Berater ist dem Rat sehr nah, so nah, dass er sich beraten hat und tut. Vermutlich führt der Berater einen dem Rate nahe, wenn er einen berät. Man wird ja beraten, man berät sich ja nicht selbst. Im Grunde wird man nur dem Beraten nahegeführt, nicht dem Rat selbst, der wird einem ja gegeben.
Wer sich verrät, um den steht es anders. Da es um ihn anders steht, äußert er sich nicht unbedingt gefasst auf sein Wohlbefinden, kann es aber doch tun, wenn er sich am Gegenüber und dessen Stehen orientiert. Vielleicht ist das ja der Verrat. Dieses sich am andern orientieren. Der Treuebruch mit sich selbst – und vielleicht ja auch mit dem Andern. Wie aber weiß der andere darum, wie es um ihn, den Nicht-Verräter steht? Vielleicht steht es um ihn, den Nicht-Verräter ja ebenso wie um den Verräter, und es mag wohl sein, dass er deshalb den Verräter um dessen Befinden aushorcht. Damit ist also auch der Nicht-Verräter ein Verräter. Beide Verräter beraten sich um ihr Wohlbefinden.
Wer Verrat begeht, ist mit Vorsilben gesegnet. Ver und Be lösen sich ja bekanntermaßen gegenseitig auf, sind also die Vorsilbeninstrumente der Dialektik. Ohne Verrat also keine Dialektik, die also offenbar von unseren beiden Verrätern, die einander um den Verrat des anderen nicht wissen, ausgeführt wird. Damit aber steht es um beide anders als ihr beider Befinden dem anderen bedeutet. Und somit beraten sie sich vergeblich. Vielleicht ist das der wahre Verrat. Verrat ist ein andauerndes Aneinandervorbeiberaten, sprich Dialektik und damit dem Verstehen sehr nahe. Womit wir wieder ganz nah bei unseren Anfängen sind, in die wir uns verfangen, weil wir ja ein Hypertext sind.
Nun, was aber ist ein Rat? Ein gerichteter Hinweis, der für jemand ganz bestimmten gemeint ist. Der Rat bedarf also des Urteils, wenn nicht sogar des Vorurteils über den ganz bestimmten Jemand. Jeder Rat ist also ein Urteil, der Verrat also der Versuch, sich von diesem Urteil zu befreien. Wer sich berät, setzt eine Autorität in die Welt, die Urteil herstellen wird. Dieses Urteil ist eine Kränkung. Wie jede Autoritätsexekution.
Der Verräter ist kein König. Der Berater ist des Königs rechte Hand. Der Verräter zweifelt an der Autorität, der Berater generiert sich aus ihr. Damit sind wir wieder bei Hitchcock, wollen aber zu Heiner Müller voranschreiten, weil sich der Verrat auf Avantgarde reimt, Müllers „Der Auftrag“ uns doch wohl ausreichend dialektisch vorgeführt hat. Die tödliche Dorisverrät entgeilend wie die Avon-Beraterin im Gard-Haarstudio unter der Trockenhaube neuzeitlichen Klangstrukturen lauscht. I rest my case.
Sie sehen, wir sind gerade weltlos, befinden uns nicht. Daher die gespenstische Obduktion des Kalauers, der uns einst mit Rat und Tat beistand. Wie der Hund, der treue Begleiter des Melancholikers. An jenen hatten wir heute Morgen bei der Lektüre von Schillers Zehnten Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen denken müssen, weil uns dort die Rede über die Ausgewogenheit an die Vorstellung von der Körperflüssigkeitshaushaltsgesundheit der Antike erinnerte.
Schiller lesen wir, weil wir uns beraten wollten, um wieder Fassung zu gewinnen, eine Fassung, die uns einen Rahmen bietet, in dem das Weiterarbeiten möglich ist. Vielleicht will ich lieber sagen: das Weiterspielen möglich ist. Denn es geht ja um das Theater. Wenn wir von Kunst reden, so ist es eigentlich immer das Theater und nie das Theater. Denn wir wollen ja das Theater verraten, es seines Geheimnisses entlocken, welches wir vermuten voller Kraft ein muss. Für Vermuten gilt das gleiche wie für Verraten. Nichts ist wie es scheint, außer das Theater. Das scheint immer irgendwie. Wir müssen nur unsere Augen mindestes 17-mal pro Sekunde öffnen und schließen, dann sehen wir auch wie es sich bewegt.
Na dann.